Die globale Textilindustrie

- Zustände, Ursachen und Perspektiven

Ein Großteil der heute weltweit produzierten Kleidung stammt aus Betrieben, in denen überwiegend Frauen und nicht selten Minderjährige unter ausbeuterischen und menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Einzelhandel, Markenanbieter, Zuliefererfirmen und Politik schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.

„Buyers say suppliers don’t want to improve, suppliers say buyers don’t want to pay more for improvements, and governments say they can’t raise the level of the minimum wage because corporations will relocate“, Ineke Zeldenrust of the Clean Clothes Campaign.

Im Folgenden stellen wir die Zustände in der globalen Textil- und Bekleidungsindustrie dar und beschäftigen uns mit deren Ursachen. Am Ende zeigen wir Perspektiven zur Veränderung für die Unternehmen auf und stellen Bezugsquellen fair gehandelter Kleidung vor.

Bedeutung der Textil- und Kleidungsindustrie für Entwicklungsländer

Für viele Entwicklungsländer besonders in Asien, Mittelamerika und Nordafrika ist dieser Wirtschaftszweig eine wichtige Einnahmequelle mit vielen betroffenen ArbeiterInnen. So macht z.B. in Bangladesch der Export von Kleidung und Textilien 95% der gesamten Indstriegüterexporte aus. In Pakistan und Sri Lanka sind es ca. 70%, in Tunesien und Marokko ca. 45%. Noch in Indien und China mit relativ diversifizierten Industrielandschaften sind es 30% bzw. 12%.1 In Nicaragua stammen 40% aller Exporterlöse aus Textilien und Kleidung.2

Damit sind diese Länder sehr abhängig von Aufträgen westlicher Firmen, der Wettbewerb ist enorm. Von 130 Entwicklungs- und Schwellenländern, die heute Textilien und Bekleidung produzieren, werden Schätzungen zufolge nur 20 einen bedeutsamen Textilsektor aufrechterhalten können.3

Um in diesem Wettbewerb bestehen zu können haben die betroffenen Länder sogenannte „freie Exportzonen“ eingerichtet, die ausländischen Unternehmen „optimale Bedingungen“ bieten: Reduzierte Steuern und Zölle, bessere Investitionsbedingungen, weniger Umweltauflagen und vor allem arbeitsrechtliche Bedingungen, die noch deutlich unter den ohnehin niedrigen regulären Anforderungen des jeweiligen Landes liegen.

Handelsstrukturen

Die westlichen Marken produzieren schon lange nicht mehr selbst in eigenen Fabriken, sondern vergeben die Aufträge an Zulieferfirmen. Um die ständig wechselnden Kollektionen so schnell wie möglich und maximal flexibel produzieren zu lassen, wickeln die westlichen Firmen ihre Aufträge nicht direkt mit den Zulieferern ab, sondern arbeiten mit sogannten „Agenten“ zusammen. Diese unterhalten Kontakte zu einem weit gespannten Netz an Fabriken in verschiedenen Ländern, um innerhalb von wenigen Wochen auch große Aufträge bewältigen zu können. Die Markenunternehmen haben dabei die geforderten Lieferzeiten immer weiter verkürzt, so dass inzwischen weniger als zwei Monate für die Produktion von 10.000 T-Shirts angesetzt werden. Neben den Anforderungen an Flexibilität und Lieferzeit vergeben die Markenfirmen und Agenten ihre Aufträge an die billigsten Anbieter. Dies setzt die Produktionsfirmen unter einen massiven Preisdruck, der sich direkt auf die Löhne der ArbeiterInnen auswirkt und wenig Spielraum für nötige Ausgaben für Gesundheit und Sicherheit der Angestellten lässt.

Weil die Aufträge so viele Stationen durchlaufen und die Zusammenarbeit mit Zulieferern häufig wechselt, ist es für die Markenfirmen schwierig, über die Zustände in den Fabriken informiert zu sein. Dies wird noch dadurch erschwert, dass die Zulieferfirmen selbst oft auf weitere Unter-Zulieferer zurückgreifen, darunter die typischen Hinterhoffabriken mit gänzlich unkontrollierten Arbeitsbedingungen.

Preiszusammensetzung

Vom Preis eines Kleidungsstücks, den wir hier im Laden bezahlen, kommen weniger als 0,5% bei den ArbeiterInnen an.4 5 Abbildung 1 veranschaulicht am Beispiel eines Turnschuhs, wo der Rest bleibt.

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Die geringe Bedeutung der Lohnkosten in dieser Rechnung lässt es unverständlich erscheinen, dass daran trotzdem so sehr gespart wird. Warum nehmen die Firmen die vergleichsweise geringen Mehrkosten, mit denen die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen wesentlich verbessert werden könnten, nicht in Kauf? Eine „vernünftige“ Erklärung dafür scheint es nicht zu geben, vielmehr würden höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen wie z.B. kürzere Arbeitszeiten, sich in vielen Fällen sogar ökonomisch rechnen.6

Eine Erklärung sind demnach Fehlentscheidungen des Managements vor Ort, das häufig direkte Kosten, wie etwa Lohnkosten, stärker beachtet als indirekte Kosten, wie sie etwa durch Unfälle, Qualitätsprobleme und Lieferverzögerungen entstehen.

Hinzu kommt allerdings die Schwierigkeit, dass höhere Investitionen in die ArbeiterInnen sich erst zeitverzögert bezahlt machen und sich niemand findet, der diese Investitionen vorfinanziert.7 Die Markenanbieter sind durch die Agentenstruktur so weit von der Produktion entfernt und so lose mit einer Herstellerfirma verbunden, dass sie sich für diese Bereiche nicht interessieren.

Einen weiteren Beitrag leisten die Strukturen in den Einkaufsabteilungen der Markenanbieter, die als ein Kernbereich von Markenfirmen zu verstehen sind. Als Kriterien im Einkauf werden Preis, Lieferzeit und Qualität verwendet und häufig auch mit Provisionen der zuständigen Mitarbeiter verbunden. Die Arbeitsbedingungen vor Ort oder die Entwicklung der Produktionsfirmen sind irrelevant.8

Arbeitslöhne

Die Löhne, die ArbeiterInnen in der Textilindustrie in Entwicklungsländern für sehr lange Arbeitstage gezahlt bekommen, decken oft nicht einmal das Existenzminimum für sie und ihre Familien. Die durchschnittlichen Stundenlöhne liegen zwischen 25 Cent in Ländern wie Indonesien oder Pakistan, 80 Cent z.B. in Indien und China und 1,75 in Mexiko.9

Sogar die gesetzlichen Mindestlöhne reichen kaum aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. So braucht ein Arbeiter in Thailand 90% des gesetzlichen Mindestlohns alleine für die allernötigsten Ausgaben, wie einen Teller Reis und eine Tasse Kaffee am Tag, Unterkunft und den Transport zur Arbeit.10 Und trotzdem werden selbst die Mindestlöhne häufig noch unterschritten. Bei diesen Verhältnissen ist es offensichtlich, dass für eine angemessene Ernährung, Gesundheitsausgaben oder eine Schuldbildung der Kinder kein Spielraum bleibt.

Es ist außerdem gängige Praxis, einen Teil der Löhne als „Ausgaben“ der Firma für den/die ArbeiterIn oder als Bestrafung einzubehalten. Oft sind die Informationen zur Berechnung des Lohnes nicht transparent.

Arbeitsbedingungen

Im Arbeitsalltag sind die ArbeiterInnen oft unmenschlichen Zuständen ausgesetzt. Besonders gravierend sind häufig:11

Überstunden:
80-Stunden-Wochen sind nicht unüblich, mit Nacht- und Wochenendschichten besonders in der Hochsaison. Weil die Stundenlöhne oder die Entlohnung pro Stück so niedrig sind, müssen die ArbeiterInnen oft unmäßige Überstunden machen, um über die Runden zu kommen, sogar wenn sie nicht ausdrücklich dazu gezwungen werden. Es werden selten Zuschläge auf Überstunden gezahlt.

Diskriminierung:
Mehr als 80 Prozent der ArbeiterInnen in der Kleidungsindustrie sind Frauen und viele sind mit sexueller Belästigung und Vorurteilen bei der Arbeit konfrontiert. Mutterschaftsgeld wird selten zugesichert und in manchen Fabriken werden Frauen sogar gezwungen, Schwangerschaftstests zu machen, bevor sie eingestellt werden.

Arbeitsumstände:
Gesundheits- und Sicherheitsbedingungen sind oft weit unter akzeptablen Standards. Viele Jobs in der Kleidungsindustrie schließen den Umfang mit gefährlichen Maschinen oder giftigen Chemikalien ein, der nicht angemessen gesetzlich geregelt ist. Schreckliche Meldungen von Bränden in Fabriken oder Einstürzen sind allzu häufig.

Arbeitsverhältnis:
Weniger als die Hälfte der ArbeiterInnen, die in Ländern wie etwa Bangladesch Kleidung nähen, haben einen schriftlichen Arbeitsvertrag. Gesetze, die die sozialen Auflagen für die Arbeitgeber festlegen sollen, werden oft durch die Nutzung von Schwarzarbeit und Zeitarbeit umgangen.

Gewerkschaften:
Nur ein kleiner Prozentsatz der ArbeiterInnen in der Kleidungsindustrie ist gewerkschaftlich organisiert. Gewerkschaften werden oft unterdrückt und ArbeiterInnen, die versuchen sich zu organisieren, werden oft verfolgt oder entlassen. Die Produktion verlagert sich auch immer mehr in Länder, in denen eine freie Gewerkschaftsbildung gesetzlich verboten ist, wie etwa in China.

Anforderungen an wirksame Verhaltenskodizes

Um die Arbeitsbedingungen zu verbessern sind in letzer Zeit von immer mehr Markenfirmen Verhaltenskodizes formuliert worden. Darin sind Mindeststandards für die Behandlung der ArbeiterInnen in den Farbriken definiert.

So richtig und anspruchsvoll die formulierten Ziele in vielen Fällen sind, bewirken die Kodizes in der Praxis sehr wenig. Weil die Stolperfallen in der Umsetzung bekannt sind, hat die Clean Clothes Campaign in ihrem Kodex neben inhaltlichen Vorgaben besonderen Wert auf klare Umsetzungsrichtlinien gelegt. In diesem Punkt unterscheiden sich die heute existierenden firmeneigenen Kodizes am meisten von den Bedingungen der Clean Clothes Campaign.
So ist besonders der Abschnitt zur Umsetzung im folgenden kurzen Überblick über den Kodex der Clean Clothes Campaign auch als eine Darstellung der gegenwärtigen Missstände und der Mängel firmeninterner Kodizes zu lesen.12

Inhalt:
Die inhaltlichen Forderungen des Kodex, die leider in vielen Firmen nicht so selbstverständlich sind wie sie für den europäischen Leser klingen, sind: Freiwillige Beschäftigung der ArbeiterInnen, keine Diskriminierung oder Kinderarbeit, Achtung der Vereinigungsfreiheit und des Rechtes auf Tarifverhandlungen, ausreichende Löhne, keine überlangen Arbeitszeiten, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und ein festes Beschäftigungsverhältnis

Umsetzung:
In der Umsetzung müssen bestimmte Kriterien garantiert sein, damit ein Kodex sich überhaupt auf die Praxis auswirkt. Die Verpflichtung zur Einhaltung des Kodex muss sich auf die gesamte Zulieferkette inklusive aller Zulieferfirmen beziehen. Die Verantwortung dafür muss an der Spitze dieser Kette angesiedelt werden, bei den großen, finanzkräftigen Markenunternehmen. Diese müssen sicherstellen, dass die Zulieferunternehmen und deren ArbeiterInnen über den Kodex informiert sind und auch die nötigen finanziellen Möglichkeiten für dessen Umsetzung haben. Hält ein Zulieferer die Bestimmungen nicht ein, sollte die Zusammenarbeit mit ihm nicht direkt abgebrochen werden. Er muss durch die Weitergabe von Know-how und finanzielle Spielräume vielmehr in die Lage versetzt werden, den Kodex in Zukunft einzuhalten. Die Markenfirmen müssen sich auf ein externes Monitoring, also eine Überwachung des Kodex durch eine unabhängige Organisation, einlassen. Wichtig bei der Überwachung der Standards ist auch die Einbeziehung der ArbeiterInnen. über einen Beschwerdemechanismus, z.B. über lokale Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen müssen Verstöße gegen die Standards gemeldet werden können.

Quellen für fair gehandelte Bekleidung

Der Markt für fair gehandelte Textilien entwickelt sich rasant. Neben spezialisierten Anbietern haben zunehmend auch die bekannten Marken Artikel im Sortiment, die (zumindest teilweise) faire Arbeitsbedingungen gewährleisten, biologisch angebaut sind etc.
Dennoch bleiben zur Zeit spezialisierte Anbieter von fair gehandelten Textilien (teilweise auch Anbieter von Öko-Mode) die beste Quelle sowohl was die tatsächliche „Fairness“ und Qualität angeht als auch in Bezug auf die Vielfalt der Auswahl. Hier finden sich mittlerweile auch viele Artikel, die einem jugendlichen, modebewussten Kleidungsstil entsprechen.

„Fairer Stoff“ – Einkaufsführer

Internet:
Die größte Vielfalt bieten Anbieter im Internet, häufig kleine Unternehmen, die mit Bestellungen und Rücksendungen sehr unkompliziert sind. Zu nennen sind etwa: http://fairwear.de/, http://www.fairliebt.com/, http://www.glore.de/

Hier findet ihr eine erste unvollständige Liste von Läden in Freiburg, die fair gehandelte Produkte vertreiben:

- Weltladen Herdern, Urbanstr. 15, 0761/31399, www.weltladen-herdern.de

- Weltladen Gerberau, Gerberau 18, 0761/24633, www.weltladen-gerberau.de

- Wiedersehen, Schusterstr. 1, 0761/50 98 33

- Waschbär, Sedanstr. 22, 0761/28 83 36, www.waschbaer.de

- Fair Wear (Onlineshop mit Lagerverkauf auf Anfrage), Engesserstr. 6, 0761/55 73 301, www.fairwear.de

- True Fashion (Onlineshop), Bertholdstr. 48, 0761/51 90 630

- Zündstoff, mit Laden in Freiburg (Adlerstraße 12) und online-store: www.zuendstoff-clothing.de

Diese Liste ist unvollständig und soll ständig erweitert werden. Vorschläge an: kontakt@actionfive-freiburg.de